Inhalt
- Ausgangslage
- Wie wählt Deutschland?
- Wie ist die wirtschaftliche Lage?
- Was ist das für eine Partei?
- Die Alternative für Deutschland (AfD)
- Was sind die Ziele der Partei?
- Ist die Partei demokratisch?
- Wem nützt die Partei wirklich?
- Wer sind die Wähler?
- Warum Ostdeutschland?
- Warum steht der männliche Arbeiter im Fokus?
- Sozioökonomische Faktoren des Durchschnittswählers
- Warum die AfD in diesem Milieu verfängt
- Kann man die Wähler wieder in das demokratische Spektrum zurückholen?
- Fazit für die politische Praxis
Internationale Politik
Rechtsruck durch Abstiegsangst: Wenn Ungleichheit die Politik radikalisiert
Die Angst vor dem Abstieg wählt rechts. Wie Vermögensungleichheit und wirtschaftlicher Frust die aktuellen Umfragen bestimmen.
https://conciencia-democratica.vercel.app/articulos/rechtsruck-durch-abstiegsangst?lang=deVon Lukas Effinger16. Juni 20266 Min. Lesezeit
Ausgangslage
Wie wählt Deutschland?
Hier zu sehen das Bundestagswahlergebnis 2026 (linke Balken) und der Trend in den aktuellen Umfragen. Die aktuelle Regierung des Kanzlers Friedrich Merz wird von CDU/CSU und SPD gebildet.

Vergleich des Wahlergebnisses von 2026 mit den aktuellen Umfragen für die im Bundestag vertretenen Parteien (CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP, Linke, AfD). Die AfD ist die einzige Partei, die in den Umfragen deutliche Gewinne verzeichnet, trotz der Brandmauer der etablierten Parteien und trotz wirtschaftlicher Stabilisierungsbemühungen der Regierung Merz. Quelle: dawum.de (Abruf: 10.06.2026), Lizenz Creative Commons CC BY-NC-SA 4.0.
Wie ist die wirtschaftliche Lage?
Das aktuelle DIW Wochenbericht 24/2026 zeichnet das Bild einer zähen Konjunktur: schwaches Wachstum, anhaltende Inflation knapp über dem EZB-Ziel, hohe Energiekosten als Spätfolge der geopolitischen Schocks (Ukraine, Naher Osten), und eine Industrie, die sich noch in der Transformation befindet. Die vollständige Prognose mit Grafiken zeigt zusätzlich Sektorvergleiche und Beschäftigungsprojektionen.
Die wirtschaftlich schwierige Lage, ausgelöst durch geopolitische Konflikte wie die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, die darauffolgenden Preisschocks sowie die Herausforderungen der wirtschaftlichen Transformation, hat zu einer tiefen Unzufriedenheit in der Gesellschaft mit den regierenden Politikern geführt. Doch warum gelingt es ausgerechnet der AfD, die Stimmen von denen einzusammeln, die von der aktuellen Politik, der Vorgängerregierung oder dem System allgemein enttäuscht sind?
Was ist das für eine Partei?
Die Alternative für Deutschland (AfD)
Gegründet 2013, im Allgemeinen als liberal-konservative Partei beschrieben. Wandelte sich jedoch schnell zu einer rechtspopulistischen und sogar rechtsextremistischen Partei.
Was sind die Ziele der Partei?
Die AfD fordert eine Wende in der Migrationspolitik mit dem Fokus auf restriktive Grenzkontrollen, massive Abschiebungen („Remigration") und der Abschaffung des Asylrechts. In der Wirtschafts- und Energiepolitik setzt sie auf Steuersenkungen, der Streichung von Klimaschutzauflagen und eine Rückkehr zu fossilen sowie nuklearen Energieträgern. Zudem strebt die Partei eine Schwächung der Kompetenzen der Europäischen Union zugunsten nationalstaatlicher Souveränität, die Abschaffung des Euros sowie ein traditionelles Familien- und Gesellschaftsbild an.
Ist die Partei demokratisch?
Die Partei und ihre Landesverbände werden vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall oder teilweise sogar als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Viele Parteimitglieder weisen Überschneidungen mit diversen ultrarechten oder rechtsextremen Gruppierungen auf.
Es existieren zahlreiche zivilgesellschaftliche Bestrebungen, die Partei durch das Bundesverfassungsgericht auf ihre Verfassungswidrigkeit prüfen zu lassen (wie z. B. auf afd-verbot.de/beweise oder pruef-demos.de). Aufgrund dieser vorliegenden Hinweise wird die Demokratiefeindlichkeit der Partei in der Öffentlichkeit stark diskutiert.
Wem nützt die Partei wirklich?
Die Steuersenkungspläne der AfD würden vor allem Spitzenverdiener und Vermögende entlasten, da die Steuerprogression abgeschafft, der Solidaritätszuschlag gestrichen und vermögenswirksame Steuern wie die Erbschafts- und Grundsteuer stark verringert oder komplett abgeschafft werden sollen. Die Reduzierung von Klimaschutzmaßnahmen und die Rückkehr zu fossiler Energie nützt der fossilen Energiebranche und — aufgrund der zentralen Rolle von Pipeline-Gas — vor allem Russland.
Wer sind die Wähler?
Statistisch gesehen ist der klassische AfD-Wähler häufig zwischen 25 und 44 Jahre alt, lebt im ländlichen Raum (insbesondere in Ostdeutschland), verfügt über eine niedrige bis mittlere formale Bildung und bezieht ein niedriges bis mittleres Einkommen als Arbeiter oder ist arbeitssuchend.
Warum Ostdeutschland?
Die Einkommen und Vermögen in Ostdeutschland befinden sich mehr als 35 Jahre nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung immer noch deutlich hinter Westdeutschlands. Wenn man die Karte der Wahlergebnisse und die Verteilung der Einkommen übereinander legt, findet man deutliche Überschneidungen.


Zwei Deutschland-Karten zum Vergleichen: links die regionale Verteilung der AfD-Stimmen, rechts das verfügbare Einkommen privater Haushalte. Dunklere Farben entsprechen höheren Werten. Die Überlagerung zeigt eine deutliche Korrelation — die AfD ist besonders stark in jenen ländlichen Regionen Ostdeutschlands, die nach der Wiedervereinigung wirtschaftlich zurückgeblieben sind. Quellen: bpb.de — Wahlergebnisse und Wählerschaft der AfD und Deutschlandatlas — Verfügbares Einkommen privater Haushalte (Abruf: 10.06.2026).
Warum steht der männliche Arbeiter im Fokus?
Die moderne Arbeitswelt verlangt zunehmend höhere Bildungsabschlüsse. Statistisch gesehen profitieren davon überproportional Frauen sowie Kinder aus akademischen Haushalten. Durch den gesellschaftlichen Wandel drängen zudem mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt und konkurrieren direkt mit Männern.
In weiten Teilen Ostdeutschlands verschärft sich die Situation: Da Unternehmen stark in Westdeutschland oder den ostdeutschen Metropolen vertreten sind, bleibt die Arbeitslosigkeit im ländlichen Raum hoch. Erschwerend kommt hinzu, dass die Eltern- und Großelterngeneration nach der Wende kaum Vermögen aufbauen oder vererben konnte, da die Löhne nie das westdeutsche Niveau erreichten und sie kein Vermögen aus der sozialistischen DDR mitbrachten. Vor allem aus den ländlichen Regionen Ostdeutschlands wandern junge, gut ausgebildete Frauen in die Großstädte ab. Zurück bleibt ein hoher Männerüberschuss. Bei den verbleibenden Männern wächst die Sehnsucht nach einem konservativen Familienbild (Küche, Kirche, Kinder).
Sozioökonomische Faktoren des Durchschnittswählers
Der prototypische Wähler in dieser Region hat aufgrund seines geringen Einkommens und ohne Aussicht auf ein nennenswertes Erbe keine realistische Chance auf Wohneigentum oder eine Altersvorsorge, die frei von Existenzängsten ist. Der akute Frauenüberschuss erhöht zudem das Risiko, dauerhaft ungewollt Single zu bleiben.
Hinzu kommt die berufliche Prekarität: in wirtschaftlich schwachen Regionen ist der Arbeitsplatz ohnehin unsicher und wird nun zusätzlich durch Automatisierung, Industrieroboter und Künstliche Intelligenz (KI) bedroht. Gleichzeitig verhindern formale Bildungsdefizite oft den Zugang zu Fortbildungen, die einen Ausbruch aus dieser Sackgasse ermöglichen könnten.
Warum die AfD in diesem Milieu verfängt
In diesem Nährboden aus Ungleichheit bei Bildung, Einkommen, Vermögen und Zukunftsaussichten wildert die AfD mit den einfachen Antworten des Rechtspopulismus:
- Sündenbock-Rhetorik bei Jobverlust: Die Angst vor Arbeitslosigkeit und Deklassierung wird gezielt auf Zuwanderer und den Klimaschutz projiziert (Forderungen nach Einwanderungsstopp und „Remigration").
- Verteilungskampf beim Einkommen: Das eigene niedrige Einkommen wird mit den Sozialleistungen für Geflüchtete und Bürgergeldempfänger in Verbindung gebracht, um Sozialneid zu schüren.
- Kompensation sozialer Isolation: Die fehlenden Partnerschafts- und Zukunftsaussichten werden dem „woken", progressiven und akademischen Lebensstil der Großstädte angelastet. Die Partei bedient die Sehnsucht nach einer Re-Patriarchalisierung, in der die traditionelle Vormachtstellung des Mannes reaktiviert und die Frau auf eine häusliche, mutterzentrierte Rolle reduziert wird.
Kann man die Wähler wieder in das demokratische Spektrum zurückholen?
Eine Wahlanalyse der Tagesschau zur Bundestagswahl 2025 zeigt: die Hauptmotive der AfD-Wähler verteilen sich in zwei klar unterscheidbaren Blöcken — Protest gegen die etablierte Politik (rund die Hälfte der Stimmen) und ideologische Zustimmung zum Programm (die andere Hälfte). Die vollständige Analyse mit allen Motivgrafiken findet sich bei der Tagesschau.
Die Daten verdeutlichen, dass die Wählerschaft der AfD keine homogene Masse ist. Es lassen sich im Wesentlichen zwei Gruppen unterscheiden:
- Der ideologische Kern: Ein Teil der Wählerschaft ist durch ein geschlossenes rechtsextremes, rassistisches und staatsfeindliches Weltbild fest an die Partei gebunden. Diese Gruppe ist für den demokratischen Diskurs und rationale Argumente faktisch nicht mehr erreichbar („demokratisch verloren").
- Die Protestwähler / die Enttäuschten: Der Rest der Wähler sind hauptsächlich diejenigen, die die Partei primär aus Enttäuschung, Zukunftsangst und Protest gegen die etablierte Politik wählen. Sie reagieren auf die real existierenden Ungleichheiten und den Mangel an Perspektiven im ländlichen Raum.
Fazit für die politische Praxis
Rechtspopulismus gedeiht dort, wo sich Menschen strukturell abgehängt fühlen. Eine gezielte Struktur- und Wirtschaftspolitik, die die Ungleichheiten zwischen Stadt und Land, Ost und West, Arm und Reich, hochgebildet und niedrig gebildet abbaut, entzieht den populistischen Narrativen das Fundament. Während der ideologische Kern isoliert bleiben muss, lassen sich die Protestwähler durch eine Politik der materiellen und sozialen Sicherheit sowie durch echte Zukunftsperspektiven für die Demokratie zurückgewinnen.
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